Ratgeber

Vorurteile im Hundetraining

– oder: Über den Tellerrand schauen –

Wenn man ehrlich ist, kann man sich eine umfassende Meinung erst dann bilden, wenn man jeden Standpunkt beleuchtet und vielleicht sogar am eigenen Leib erfahren hat. Wie bei einem Gericht, das man nicht kennt, und dem man aufgrund von Vorurteilen gar keine Chance gibt. Hier trifft wie so oft das alte, plattdeutsche Sprichwort zu: „Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich.“ Also: „Was der Bauer nicht kennt, dass frisst er nicht.“ Wie oft einem etwas dabei durch die Lappen geht, eine Erfahrung, die man nicht gemacht hat, weil man vorher schon der Meinung war, das Ergebnis zu kennen, will ich mir lieber nicht vorstellen. Vielleicht hat man gerade sein neues Lieblingsessen verschmäht? Wer weiß.

 

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Würde alles essen, auch wenn es Bauchweh davon geben würde… Hunde greifen in diesem Fall weder auf Vorurteile, noch auf Erfahrungswerte zurück – manchmal nicht die beste Wahl.

 

Sicher, Vorurteile haben ihre Berechtigung. Würden wir in einer vorurteilsfreien Welt leben, müssten wir jeden Tag aufs Neue abschätzen, wie unser Leben ablaufen soll. Das wäre auf Dauer nicht nur anstrengend, sondern vermutlich mit dem Leben nicht vereinbar.

Denn Vorurteile – auch wenn ich persönlich dieses Wort aufgrund seiner negativen Belastung nicht gerne mag – beruhen auf Erfahrungswerten. Und Erfahrungswerte liefern uns wichtige Erkenntnisse über unser tägliches Leben.

Ohne Vorurteile wäre das Leben sehr anstrengend

Nur zum Verständnis: Müssten wir jeden Tag jede Erfahrung aufs Neue machen, ohne Schlüsse und damit Vorurteile daraus zu ziehen, würden wir vermutlich nach kürzester Zeit verhungern oder aber von einem Auto überfahren werden. Das Vorurteil – oder ebender Erfahrungswert – dass ein eingeschalteter Herd heiß ist und man sich verbrennen würde, käme man mit der Hand auf die Platte, ist durchaus hilfreich.

Leider sind Vorurteile aber auch oft darin begründet, was wir nicht selbst erlebt haben. Da hat man beispielsweise einen Freund, der jemanden kennt, dessen Schwiegermutter mal gehört hat, dass Herdplatten heiß werden. Fortan werden wir also jeden Herd argwöhnisch betrachten, da dieser ja – angeblich – heiß sein könnte. Hat man jedoch keine eigene Erfahrung zu dem Thema, geht einem völlig ab, dass der Herd dafür eingeschaltet und das rote Licht leuchten muss. Nun, wir sehen also, dass Vorurteile leicht durch andere oder etwas Gehörtes beeinflusst werden können.

Wer Vorurteilen blind vertraut, wird niemals sehend sein

Das muss auch zunächst nicht schlecht sein, da man so eventuell vor einem heißen Herd gewarnt ist. Doch schließt das nicht aus, seine eigenen Erfahrungen machen zu können und seine Vorurteile – auch wenn es schwer ist – korrigieren zu können. Tritt man also nun mit seinen Vorurteilen im Hinterkopf aber – und das ist das wichtigste und entschiedenste bei der ganzen Sache – WERTFREI an den Herd, so kann man selbst testen, in welchen Situationen der Herd heiß wird und wann man ihn meiden sollte. So kann man für die Zukunft lernen, dass ein Herd, der einfach so in der Küche steht, kein Staatsfeind Nr. 1 ist.

Anhand dieses Beispiels möchte ich aufzeigen, dass Vorurteile – wenn sie wertfrei betrachtet werden und eigene Beobachtungen, Erfahrungen und Rückschlüsse zulassen – nichts per se schlechtes sein müssen, aber immer infrage gestellt werden sollten. Und damit zurück zum Hundetraining.

Vorurteile, Erwartungen und Erfahrungen geben eine gute Mischung ab

Ich habe mir einen Australian Shepherd angeschafft und hatte ein Bild dieses Hundes im Kopf: Was er können sollte, tun sollte und was er womöglich nie tun würde. Ich war also – und so wird es wohl jedem Hundekäufer gehen – ziemlich vorurteilsbehaftet. Logisch ist es ja auch, schließlich zeigen die Erfahrungswerte und die Zuchtkriterien, wozu ein Australian Shepherd im Grunde gezüchtet wurde und welche Eigenschaften er mitbringt. Dazu kommen dann noch eigene Erfahrungen, Wünsche und Vorstellungen. Doch dann kommt das Leben auf einen zu, überrascht einen und zwingt einen, die eigenen Vorstellungen zu überdenken. Das kann allerdings nur geschehen, wenn man ein kleines bisschen Selbstreflexion besitzt und bereit ist, damit zu arbeiten. Ist das nicht der Fall, so bleibt man innerhalb seiner vorgefertigten Meinung sitzen und bewegt sich nicht voran.

 

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Aussie und Apportieren? Vorurteil sagt: Nein!

 

 

Kleines Beispiel gefällig? Ein Aussie ist kein Retriever. Das sagt ja schon der Name. Es war also nie seine Aufgabe, Dinge zurückzubringen – zumindest nicht im herkömmlichen Wortsinne. Entlaufenes Vieh sollte er schon zurückbringen, aber eine Kuh passt nun mal auch schwerlich quer ins Maul. Da durfte der Aussie sich anderer Techniken bedienen.

Hinter allem steht immer wieder die Selbstreflexion

Da ich mich aber bewusst für einen Nicht-Retriever entscheiden hatte, war Apportieren oder Dummyarbeit für mich kein Thema. Mein Vorurteil: Langweilig. Und noch so diverse andere Dinge, die ich hier nicht unbedingt aufführen muss. Wichtig war nur, ich wollte weder mit einem Apportel noch mit einem Futterbeutel oder ähnlichem Arbeiten. Wozu auch? Doch dann kam besagtes Leben dazwischen. Im Rahmen diverser Trainingsmethoden, anderer kleiner Probleme in der Erziehung – Stichwort Impulskontrolle – und des regelmäßigen Austausches mit anderen Hundebesitzern wanderte plötzlich ein Futterbeutel in unseren Fundus.

 

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Kein Retriever – apportiert trotzdem. Wer hätte das gedacht? Ich bin froh, dass wir es ausprobiert haben.

Oh. Wie konnte das geschehen?

So etwas wollte ich doch gar nicht. Aber aufgrund einiger anderslautender Vorurteile als meiner eigenen wollte ich dem ganzen eine Chance geben. Außerdem war mein Hund erstaunlich gut darin, Sachen durch die Gegend zu tragen und zurückzubringen. Also probierten wir das Futterbeuteltraining aus. Und was soll ich sagen – es funktionierte nicht nur, es brachte uns auch in unseren Thematiken weiter und – wie furchtbar – es machte Spaß! Nun gerieten meine Vorurteile vollständig ins Wanken. Mist. Nicht mal auf die guten alten Vorurteile ist Verlass. Sicher, wir werden im Gegensatz zu einem apportierfreudigen Labrador keine Profis werden – aber es ist eine Bereicherung für unser Training.

Wer seine Vorurteile hinterfragt, erlebt oft positive Überraschungen

Es gibt noch die ein oder andere Sache, die mit der Zeit ihren Weg in unser Leben und Training gefunden hat:

  • Flexileine
  • Futterbeutel
  • Apportierspielzeug
  • Hundebox
  • Longieren
  • Cavaletti für Hunde
  • Walken mit Hund am Bauchgurt
  • Dogscooter/Zuggeschirr für Hunde
  • Treibball
  • Clickern

Alles Dinge, die mit starken Vorurteilen behaftet waren. Aber dadurch, dass ich mich über diese Vorurteile erhoben habe und die Dinge einfach ausprobiert habe, wurde ich oft eines Besseren belehrt.

Diese Erkenntnisse sind nicht nur im Hundetraining nützlich

Zugegeben: Es gibt auch Dinge, bei denen meine Vorurteile mich bestätigt haben. Aber das ist nicht schlimm. Es war keine Erfahrung, die alles andere zunichte gemacht hätte, also ist es verschmerzbar. Mein persönliches Fazit ist also, dass man durchaus Vorurteile haben darf – aber man muss sie im rechten Moment beiseitelegen können, um zu neuen Ufern aufbrechen zu können. In diesem Sinne viel Spaß beim Hundetraining und möget ihr viele neue, unbekannte und aufregende Pfade beschreiten.

 

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Weniger negativ belastete Vorurteile, mehr ausprobieren – nur so lernt man tolle, neue Sachen kennen, die das Leben bereichern können. Das gilt nicht nur fürs Hundetraining.

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